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Hydroponik · Nährstoffchemie · Artikel 2 von 2

Nährstofflösung: Chelate, Ionenverhältnisse und Praxis

Warum Chelate notwendig sind, welche bei welchem pH wirken, wie kritische Ionenverhältnisse hergeleitet werden – und was die Lösung nach Long Ashton / Hewitt (1966) als Beispiel zeigt.

Artikel 1 zeigt, dass Fe, Mn, Zn und Cu ihr Verfügbarkeitsoptimum im sauren Bereich (pH 5,0–6,5) haben, während Ca²⁺, Mg²⁺ und MoO₄²⁻ eher im Neutralen verfügbar sind. Der in der Hydroponik angestrebte Kompromiss bei pH 5,8–6,2 bedeutet für Eisen: es liegt bei diesem pH überwiegend als schwerlösliches Fe³⁺ vor und wäre ohne Komplexierung praktisch nicht pflanzenverfügbar. Chelate lösen dieses Problem – aber nicht jedes Chelat bei jedem pH.

Chelate – Funktion, Typen und pH-Stabilität

Ein Chelat ist ein organischer Ligand, der ein Metallion (hier: Fe³⁺ oder Fe²⁺) über mehrere Koordinationsstellen gleichzeitig bindet und damit in Lösung hält, die sonst zur Fällung führen würde. Die Stärke der Bindung wird durch die konditionale Stabilitätskonstante K' beschrieben, die pH-abhängig ist: Mit sinkendem pH konkurriert H⁺ zunehmend mit Fe³⁺ um die Bindestellen des Liganden.

Die thermodynamischen Stabilitätskonstanten (log K, bei 25°C, I = 0,1 mol/L) sind in der NIST-Referenzdatenbank (Martell & Smith 1974–1989) tabelliert [2]:

Fe-EDTA

log K (Fe³⁺-EDTA) = 25,1
Wirksamer pH-Bereich: 4,0 – 6,5

Günstigste Chelat-Form. Oberhalb pH 6,5 beginnt Fe³⁺ durch Hydrolyse (Fe(OH)₃) aus dem Komplex freigesetzt zu werden, bevor es aufgenommen werden kann. Für Systeme bei pH 5,8–6,2 die Standardwahl.

Fe-DTPA

log K (Fe³⁺-DTPA) = 28,0
Wirksamer pH-Bereich: 4,0 – 7,0

Höhere Stabilitätskonstante als EDTA → Fe³⁺ bleibt bis pH 7,0 komplexiert. Relevant für Aquaponik-Systeme (pH 6,8–7,2) oder kalkhaltiges Giesswasser.

Fe-EDDHA

log K (Fe³⁺-EDDHA) ≈ 35
Wirksamer pH-Bereich: 4,0 – 9,0

Stärkste verfügbare Fe-Chelat-Form. Ortho-ortho-Isomer wirksamer als ortho-para. Teurer, aber notwendig bei alkalischen Systemen oder wenn pH-Kontrolle schwierig ist. Erkennbar an rotbrauner Lösung.

Für Mn, Zn und Cu sind Chelate (EDTA-Formen) ebenfalls verfügbar, aber in der Regel weniger kritisch: diese Ionen sind bei pH 5,0–6,5 noch ausreichend als freie Ionen löslich. Bei höherem pH oder bei nachgewiesenem Mangel trotz ausreichender Lösung sind Mn-EDTA und Zn-EDTA sinnvoll.

Kritische Ionenverhältnisse

Die Antagonismus-Mechanismen aus Artikel 1 lassen sich in konkrete Ziel-Verhältnisse übersetzen. Die folgende Tabelle listet die wichtigsten – jeweils mit der mechanistischen Begründung und dem Richtwert für hydroponische Systeme (molare Konzentrationen, da Transporter-Kinetik molar ist). Diese Werte sind keine absoluten Grenzen, sondern Flagging-Schwellen, ab denen Antagonismus-Effekte messbar auftreten.

VerhältnisRichtwert (molar)WarnschwelleMechanismus (→ Artikel 1)
Ca²⁺ : Mg²⁺ 2,0 – 4,0 : 1 < 1,5 oder > 5,0 NSCC-Konkurrenz; Ca²⁺-Überschuss hemmt Mg²⁺ an Bindestelle, Mg²⁺-Überschuss reziprok.
K⁺ : Ca²⁺ < 1,5 : 1 > 2,0 K⁺-Überschuss hemmt Ca²⁺ an NSCC; Viets-Effekt (Ca²⁺-Zellwandstabilisierung) wird geschwächt.
NO₃⁻ : NH₄⁺ ≥ 3 : 1 NH₄⁺ > 25% des Gesamt-N NH₄⁺-Überschuss → H⁺-Extrusion → Rhizosphären-pH sinkt → Ca²⁺/Mg²⁺-Antagonismus als Sekundäreffekt. [4]
Fe²⁺ : Mn²⁺ 2,0 – 5,0 : 1 < 1,5 IRT1-Konkurrenz; bei niedrigem Fe:Mn-Verhältnis akkumuliert Mn²⁺ bis zur Toxizität. [3]
P (H₂PO₄⁻) : Fe < 100 : 1 > 200 : 1 Fällung FePO₄ (Ksp ≈ 10⁻²²) in der Lösung; ab diesem Verhältnis signifikant, pH-abhängig.
P (H₂PO₄⁻) : Zn²⁺ < 200 : 1 > 400 : 1 Fällung Zn₃(PO₄)₂; gleichzeitig Suppression von IRT1 bei P-Überschuss.
SO₄²⁻ : MoO₄²⁻ < 1000 : 1 > 2000 : 1 SULTR1;2-Konkurrenz: SO₄²⁻ verdrängt MoO₄²⁻ fast vollständig.

Beispiel: Long Ashton / Hewitt (1966) – Verhältnisanalyse

Die folgende Tabelle zeigt die Hewitt-Lösung in g/L und mmol/L und prüft die kritischen Verhältnisse aus dem vorigen Abschnitt. Die Ausgangsdaten in g Element/L (auf 1 Liter Wasser).

Elementg/LMolmasse (g/mol)mmol/LBemerkung
Ca 0,160 40,08 3,99  
Mg 0,036 24,31 1,48  
K 0,156 39,10 3,99  
N 0,168 14,01 12,0 Gesamt-N; Aufteilung NO₃⁻/NH₄⁺ nicht spezifiziert
P 0,041 30,97 1,32 als H₂PO₄⁻
S 0,048 32,06 1,50 als SO₄²⁻
Fe 0,0028 55,85 0,050 an oberer Grenze; Chelat-Form entscheidend
B 0,00054 10,81 0,050  
Mn 0,000064 54,94 0,0012  
Cu 0,000065 63,55 0,0010  
Mo 0,000048 95,96 0,0005  
Cl 0,00015 35,45 0,0042 Spurenmenge

Verhältnischeck für Hewitt:

VerhältnisBerechnet (molar)RichtwertBewertung
Ca : Mg 3,99 : 1,48 = 2,70 : 1 2,0 – 4,0 ✓ im Bereich
K : Ca 3,99 : 3,99 = 1,00 : 1 < 1,5 ✓ im Bereich
Fe : Mn 0,050 : 0,0012 = 41,7 : 1 2,0 – 5,0 ⚠ Fe deutlich im Überschuss
P : Fe 1,32 : 0,050 = 26,4 : 1 < 100 ✓ kein Fällungsrisiko
P : Zn Zn nicht spezifiziert < 200 – keine Angabe
SO₄²⁻ : MoO₄²⁻ 1,50 : 0,0005 = 3000 : 1 < 1000 ⚠ SULTR-Konkurrenz kritisch

Interaktive Werkzeuge

Tool A – Ionenverhältnis-Checker

Eingabe der Ionenkonzentrationen in mmol/L oder g/L. Automatische Berechnung aller kritischen Verhältnisse und Kennzeichnung nach den Schwellwerten dieser Tabelle. Dieses Tool ist für den Düngemittel- / Nährstoff-Kalkulator gedacht, kann aber auch unabhängig davon verwendet werden.
Hier geht es zu Tool A...

Tool B – Chelat-Stabilitätsfenster

Eingabe des pH-Wert und sofortige Anzeige welche Chelat-Form (EDTA / DTPA / EDDHA) bei diesem pH noch wirksam ist, mit Angabe der konditionalen Stabilitätskonstante.
Hier geht es zu Tool B...

 

Primärquellen

  1. Hoagland, D.R. & Arnon, D.I. (1950). The water-culture method for growing plants without soil. California Agricultural Experiment Station Circular 347, 2. Aufl. University of California, Berkeley. (Public domain) Lokale Kopie
  2. Martell, A.E. & Smith, R.M. (1974–1989). Critical Stability Constants, Bde. 1–6. Plenum Press, New York. [NIST-Referenzdatenbank für log-K-Werte; online zugänglich via nist.gov/srd/nist46]
  3. Vert, G. et al. (2002). IRT1, an Arabidopsis transporter essential for iron uptake. The Plant Journal 31(4):529–537. DOI: 10.1046/j.1365-313X.2002.01381.x
  4. Mulder, E.G. (1953). Inorganic nitrogen compounds and soil fertility. Plant and Soil 4(4):368–415. DOI: 10.1007/BF01373584

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